A SINNER. A SAINT. A WISE MAN.

Ich denke oft darüber nach, was sich in den letzten 20 Jahren alles im Tätowieren verändert hat. Eigentlich sehe ich überall eine starke Veränderung. In fast Allem! Ist es mein Alter und der berühmte Generationskonflikt? Oder ist es einfach die normale Entwicklung, die man als 25jähriger anders wahrnimmt als ich mit 40ern?

Noch bevor ich mit dem Tätowieren begann, fuhr ich einmal im Monat von Mönchengladbach, wo ich damals wohnte, nach Düsseldorf zum Bahnhofs-Zeitschriftenladen, um die seltenen amerikanischen Tattoo-Hefte zu kaufen. Die gab es nur sehr selten und sie waren eine Offenbarung für mich, weil sie sich deutlich von dem damals vorherschenden “Tattoo” Magazin abhoben.

Auf der Rückfahrt verschlang ich die Hefte und manche Bilder sind bis heute in mein Gehirn gebrannt. Ich sah eine neue Welle von Tätowierern kommen mit etwas bisher nie Dagewesenem! Heute schaut man zurück und nennt es “New school” und viele belächeln es, aber damals war es eine Veränderung, die mich dazu brachte; Tätowierer werden zu wollen. 

1993 fuhr ich zur Tattoo Convention nach Amsterdam und bekam mein erstes Tattoo von einem der Wegbereiter des damaligen Trends: Markus Pacheco.

Es waren einige sehr wenige Leute, die man immer auf den Conventions traf, die das auch auf dem Schirm hatten, was da passierte. Es war spannend und mühsam: kein Internet, um zu sehen, wer wo arbeitet und keine E-Mails, um Termine zu machen. Nur einige wenige Fotos in schwer zu kriegenden Magazinen.

Heute sehe ich bei Instagram, was ein Tätowierer in New York gemacht hat, noch bevor sein kunde den Laden verlassen hat. Wir sind ungeduldig und die Uhr tickt. Ich empfinde das oft als toll, aber genauso oft macht es mir Angst und es löst fast Beklemmung bei mir aus. Das Gefühl in einem rasenenden Zug zu sitzen, ohne die Möglichkeit, auszusteigen. 

 Also ist es nur die Tatsache, dass ich keine 25 mehr bin oder gibt es tatsächlich eine Veränderung jenseits dessen, was halt normal ist?

Gehen wir zu dem zurück, was eigentlich der Kern all dessen ist, die Tätowierungen! Die technische Qualität des Tätowierens hat sich auf breitem Feld sehr verbessert. Junge Tätowierer sind oft wahnsinnig begabt und zeichnerisch ist ein Level erreicht, das schwer zu überbieten scheint. Aber oft hinterlässt es einen schalen Geschmack im Mund. Wo ist die raue Energie, die mich damals so faszinierte? 

Ist das alles besser, nur weil es besser ist? 

Der oben erwähnte rasende Zug hat weniger Spannung geladen als seine Geschwindigkeit verspricht. Oft langweilt mich, was ich sehe. Die glänzende Oberfläche täuscht nicht über fehlende Substanz und Relevanz hinweg. 

Aber eigentlich ist all das unwichtig, weil es ja um schöne Bilder auf der Haut geht und da waren wir nie besser, als wir es heute sind…

Tattoo Kulture Magazine | Ausgabe #2

Andreas Coenen tätowiert seit rund 23 Jahren – aus Leidenschaft. Vor 20 Jahren hat er den Tattoo-Shop The Sinner and the Saint Tattoo in Aachen eröffnet und ist zudem Kopf und Veranstalter der Kaiserstadt Tattoo Expo Aachen.

The Sinner and the Saint Tattoo
Sandkaulstraße 46 | 52062 Aachen
www.thesinnerandthesaint.com