LEBE, LIEBE UND STERBE – EINE REISE ZUR SELBSTBESTIMMUNG

Vor kurzem wurde ich gebeten, beim TEDx Event in Salford bei Manchester in England einen Vortrag zu halten. TED ist ein weltweites Online-Netzwerk, welches sich auf „Ideen, die es wert sind, verbreitet zu werden“, konzentriert. Ich sollte auf der gleichen Bühne wie ein Astrophysiker und ein Astronaut meinen Vortrag über die Kreation von Weltfrieden und den sich dahinter verbergenden Prozess halten. In derselben Woche wurde ich gebucht, um mit 30 Psychiatern in Deutschland zu arbeiten und ihnen meine Methoden im Umgang mit sich selbst verletzenden Jugendlichen vorzustellen.

In solchen Momenten frage ich mich manchmal: „Wie zum Teufel bin ich – jemand, der gerade mal einen High-School- Abschluss hat, weder studiert hat noch tiefgründige Bücher liest und der wortwörtlich von Kopf bis Fuß mit Tattoos zugetackert ist – zu diesem Leben gekommen?“

Heute unterrichte ich die jüngsten und schlausten Gehirne im Alter von vier Jahren darin, wie sie eine starke Persönlichkeit entwickeln, genauso wie reife Erwachsene an ihrem Arbeitsplatz. Dabei stelle ich immer wieder fest, dass sie alle – egal ob beim Militär, der Polizei, als Lehrer oder Verkäufer tätig – demselben Maß an Stress, Wut, Hass und Gewalt ausgesetzt sind und natürlich ähnliche Folgen für ihre Gesundheit, ihr Glück oder Wohlbefinden erleben. Ihre Herausforderung ist genau dieselbe, der ich auch gegenüber stand: Lebe, kämpfe und stirb oder übernehme die Verantwortung für die Reise zu mehr Selbstbestimmtheit in deinem Leben. Ich gehe den Weg zu meiner eigenen Selbstbestimmtheit nun seit fast zwei Jahrzehnten und lehre heute die einzelnen Schritte, die es bedarf, um ans Ziel zu kommen. Als ich meine Reise begann, musste ich erstmal einen genauen Blick auf mein Leben werfen und stellte mir einige Fragen: Kann ich diese Veränderungen selbst bewerkstelligen? Oder hänge ich zu sehr von anderen Kräften und äußeren Umständen ab, um meine Entscheidungen frei zu treffen und mich selbst neu zu definieren?

Ich dachte, ich könne der Negativität entkommen, indem ich die Unternehmenswelt verlasse und Tätowierer werde. Ich baute mir also meine Selbständigkeit auf und eröffnete drei Tattoostudios. Außerdem ließ ich mich am ganzen Körper tätowieren, weil ich dachte, dadurch meine Freiheit ausdrücken zu können. Aber um ehrlich zu sein, war ich einfach nur stinksauer auf die Welt und wie sie funktionierte. Also ließ ich mir auch das Gesicht als Zeichen meiner Rebellion gegen den Rest der Welt tätowieren. Das war mein persönliches „Fuck You“-Statement zur Gesellschaft, in der ich lebte. Es war meine Art zu sagen, dass ich die negativen Strukturen verachtete.

Als ich 1998 gerade meinen Namen per Verfahren in „The Scary Guy“ geändert hatte, sah ich in den Nachrichten wieder einmal nur Mord, Tötung, Selbstmord und Tod. Ich realisierte, dass hier ein Krieg an allen Fronten stattfand. Und ich realisierte auch, dass ich Teil des Ganzen war. Plötzlich konnte ich meine Tattoos genauso wenig mehr als meine Rüstung gegen den Hass, den ich auf andere verspürte, ansehen, ähnlich wie zuvor schon meinen Anzug und meine Krawatte. Ich schaute also zurück auf den langen Weg, den ich gegangen war, und überlegte, wer ich geworden war. Ich dachte an meine Mutter. Sie hatte mich geboren und hier stand ich nun. Ich erinnerte mich daran, dass ich 1993, nachdem sie gestorben war, eine Box öffnete gefüllt mit ihren Büchern, ihren Habseligkeiten und den Dingen, die ihr wichtig waren und die sie aufbewahrt hatte. Als ich mir die Sachen anschaute, stellte ich fest, dass sie einer Person gehört hatten, die ich kaum kannte! Ich dachte lange darüber nach, wer sie wirklich war, was sie gesagt und getan hatte und sah plötzlich diese wirklich starke, intelligente Frau: zurückhaltend, bescheiden und still.

Am meisten traf mich der Gedanke, dass ich niemals aus ihrem Mund irgendetwas Negatives über eine andere Person gehört hatte. Ich erinnerte mich daran, dass ich sie immer wieder angestachelt hatte, mit mir zu lästern, wenn wir unterwegs waren. Ich hatte versucht, sie dazu zu bringen, schlecht über andere zu sprechen, sie zu veräppeln. Das war das, was ich über Personen, die wir nicht kannten, tat. Aber sie hat sich nie dazu hinreißen lassen. Ganz im Gegenteil sogar: Sie sagte mir immer wieder, dass man das nicht tut und ich aufhören solle, so grob zu sein. Ihr Tod ließ in mir die Frage aufkommen, wie sie so freundlich sein konnte, wo doch alles um sie herum so negativ war? Wie konnte sie so viel Wut und Hass begegnen, ohne dabei selbst Wut und Hass zu verspüren?

Ich wusste plötzlich, dass ich jetzt entweder so weiterleben, weiterkämpfen und sterben könnte wie bisher oder die Verantwortung für mich selbst übernehmen und eine Strategie entwickeln konnte, ohne Wut, Hass und Konflikte zu leben. An diesem Punkt begann mein richtiges Leben. In den letzten 16 Jahren habe ich auf meinem Weg die Schritte definiert, die dafür nötig sind. Ich habe sie definiert, entwickelt, getestet und nun zeige ich sie der ganzen Welt.

Heute kann ich sagen, dass der Weltfrieden von euch ausgeht. Er ist in euch drin. Es ist ein Schaffensprozess, der in dem Moment, in dem du aufwachst, beginnt und, wenn du abends ins Bett gehst, endet. Basis all dessen ist das, was du sagst, was du tust und wie du mit dem umgehst, was andere zu dir sagen oder mit dir machen.

Heute sind meine Tattoos wirklich mein: Sie sind für mich, sagen etwas über mich und repräsentieren mich – genau wie all meine Worte und Taten für den Rest meiner Reise.

The Scary Guy FRSA – World Peace Activist and Philosopher

Tattoo Kulture Magazine | Ausgabe #4

THE SCARY GUY besitzt einen Tattooshop, ist Entertainer – und vor allem Motivationstrainer. Er setzt sich gegen Hass, Gewalt, Vorurteile und Mobbing an Schulen und in Unternehmen ein und hält seine Vorträge auf der ganzen Welt.
www.thescaryguy.com | www.facebook.com/thescaryguyfanpage
Foto: Dirk „The Pixeleye“ Behlau
Text: The Scary Guy FRSA