Ich habe wie die meisten der alten Hasen (scheiße, der bin ich jetzt tatsächlich) das Tätowieren als Ausdruck von Individualität angefangen. Als Mitglied einer Randgruppe in der Fußballszene und als Rebell gegen alles Aufgezwungene Mitte der 80er. Es war meine Möglichkeit der Selbstbestimmung über mein Leben und meinen Körper. Großartig!

Wo ist das hin? Sieht man heute in die Gesichter junger Kollegen oder Kunden, wenn man ihnen davon erzählt, wissen die stellenweise gar nicht mehr, wovon man da eigentlich redet. Erschreckend! Wenn man sich dann mit Kunden hinsetzt und ihnen erklären will, dass ein ausgedrucktes, bereits millionenfach tätowiertes Motiv aus dem Internet nichts mit der eigentlichen Entscheidung für eine Tätowierung – und schon gar nichts mit Individualität – zu tun hat, schaut man meist in noch verdutztere Gesichter. Genau die gleichen Gesichter hat man übrigens vor sich, wenn man jungen Kollegen erzählt, dass man damals fast an den Dämpfen beim Nadellöten erstickt wäre. Nadellöten? Wie jetzt?

Da kommt dann bei mir schon mal die Frage auf, wofür laberst du dir hier eigentlich einen Wolf? Solltest du nicht einfach das, was der Kunde haben will, so gut umsetzen, wie du es eben kannst? Ohne viel Beratung, die vielleicht eh nichts bringt? Nein! Auch wenn ich mir darüber bewusst bin, dass die alten Zeiten nicht wiederkommen, weiche ich nicht von meiner alten und immer noch andauernden Überzeugung ab, den Kunden und Kollegen meine Ideologie zu vermitteln.

Zahlte man in den 80ern noch 100 Deutsche Mark für einen Supplier-Katalog, so bekommt man heute übers Internet jeglichen Schrott oder auch nicht Schrott, von jedem Punkt der Erde innerhalb weniger Tage! Die Welt als Dorf,  gut oder nicht gut? Sicherlich auch wieder beides, aber was ist das „Ziel“? Niemand von uns alten Jungs hat diese Entwicklung je erwartet, vielleicht auch nicht gewollt. Die Frage „Wie siehst du die Zukunft in der Tattoo-Szene?“ hätte ich in den Achtzigern mit „Es wird in den jeweiligen Szenen bleiben, sich dort aber weiter entwickeln“ beantwortet. Ich bin damals aus meiner Geburtsstadt Mönchengladbach weg nach Erkelenz gezogen, um meinem Freund und Kollegen dort keine Konkurrenz zu machen. Versteht das heute noch einer? Nee, heute gibt man jungen Leuten eine Chance, zieht sie heran und bildet sie aus, damit sie nach ihrem ersten Höhenflug 5 km weiter einen Laden aufmachen, um sich ja nicht um eigene Kunden kümmern zu müssen. In meiner Geburtsstadt gibt es heute 17 Studios! Natürlich sind auch Vorteile zu erkennen. Das künstlerische Niveau ist in ungeahnte Höhen geschossen. Die Kundschaft wurde größer und größer, man verdiente viel leichter Geld als in den Achtzigern. Aber der Rest? Ich bin mir nicht sicher…

Dass es aber nicht nur uns so geht, hat mir letztens eine äußerst außergewöhnliche Begegnung gezeigt. Beim Fitnesstraining spricht mich auf einmal der Leiter des Sondereinsatzkommandos Hooligans aus den 80ern und 90ern an und wir fangen an, über alte Zeiten zu reden. Auf einmal sagt er zu mir „Wir würden euch alte Hools gerne zurückhaben. Das war noch ehrliche Arbeit!“ Wie bitte? Das meinte er völlig ernst. Heute würden Ultras verhaftet, die den Beamten IHRE Rechte vorlesen und die Anwälte sind innerhalb einer Stunde da. Mann gegen Mann und den ehrlichen Kampf mit Fäusten würde es gar nicht mehr geben. War das ein Lob?

Egal, wo man hinsieht, sei es im Gesundheitswesen, der Einwanderungspolitik oder an  frühere Urlaubsziele. Alles verändert sich, aber irgendwie hat man das Gefühl, dass früher alles besser war.  

Ich bin jedoch nicht so blind, dass Weiterentwicklungen auch Veränderungen bedeuten. Der gute alte Bökelberg in Mönchengladbach (sorry, Fußball eben!) war Kult, der heutige moderne Nordpark fasst 54000 Zuschauer und ist fast immer voll. Eine Veränderung, die nötig war, auch wenn man den Bökelberg familiärer fand.

Heute gibt es Hunderte von Top-Tätowierern auf jedem Kontinent, man ist weltweit vernetzt, man wird durch die heutige Technik über Nacht bekannt. Man kann sich auf kurzem Wege austauschen und Guest Spots quer durch alle Länder dieser Welt sind möglich und an der Tagesordnung. Also alles gut?

Wie auch immer, die Entwicklung war für einiges gut, für anderes eher nicht. Ich bin jedenfalls froh, die alte Zeit miterlebt zu haben.

Tattoo Kulture Magazine | #11

Jörn „Cheffe“ Elsenbruch – Magic Moon Tattooing Erkelenz

Magic Moon Tattoo & Supply |Gewerbestraße Süd 10 | 41812 Erkelenz

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