Das wahre, schöne, gute, echte Tattoo

Neulich in der Jury in Berlin. Ich sitze mit vier anderen erfahrenen und kompetenten  Kolleginnen und Kollegen am Sonntagnachmittag an unserem Jurytisch und wir sollen über das „Best of Sunday“ richten. Keine ganz einfache Aufgabe, sind doch einige aufregend gute Tattoos unter den 35 frisch gestochenen Teilnehmern dabei. Wir konzentrieren uns auf die vier oder fünf besten, gehen unsere Notizen durch, überlegen, wen wir vorne sehen, und diskutieren eine kurze Weile. Die Motive ähneln sich teilweise sehr, aber das ist in den letzten Jahren üblich. Oder, wie es Kollege Alex aus Kopenhagen ausdrückt, „Scull, Face, Rose“. Und wie immer in Berlin gibt es die starke osteuropäische Präsenz in einem sehr ähnlichen Stil. Die Diskussion geht hin und her, bis ich das Pe’a einwerfe, das der samoanische Tätowierer Lawrence Ah Ching an diesem Tag vom Steiß über die Lenden bis zur Mitte des Bauchs auf einem stämmigen Kunden von Hand astrein tätowiert hat. Es ist technisch perfekt, sehr schön an die Anatomie angepasst und insgesamt recht großflächig. Meine Kollegen wirken erlöst, ob meines Einwurfs, und stimmen sofort zu, die anderen Favoriten sind schnell vergessen. 

Es geht zur Preisverleihung, alle Teilnehmer stehen erwartungsvoll, meist flankiert von ihren Tätowierern, vor der Bühne. Das Pe’a wird gekrönt, die Gesichter werden lang und ohne Beifall ihrerseits rennen alle weg – wie Kakerlaken, wenn das Licht angeht. 

Hallo?! Ist ein handgestochenes samoanisches Pe’a keinen Höflichkeitsbeifall wert? Oder vielleicht sogar etwas mehr, eine kleine Begeisterung für ein dermaßen schönes echtes traditionelles Tatau? Der Gewinner jedenfalls konnte sein Glück kaum fassen, er hatte diese Entscheidung sicher nicht erwartet.

Nun ist es ja dank der formidablen sozialen Netzwerke heute so, dass jeder Mist hochgejazzt wird und zehntausendfach Likes bekommt. Ich treibe mich da selten rum, weil mir meine Zeit zu schade ist und die Beiträge oft Substanz vermissen lassen. Vor allem jüngere Kollegen nutzen diese Medien aber gerne und erarbeiten sich durch sie einen gewissen Bekanntheitsgrad. Ist also nicht alles schlecht daran. 

Was ich aber übel finde, sind Bildbearbeitungen per Photoshop, die dem User vortäuschen, wie schwarz oder bunt ein Tattoo angeblich ist. Also gar nicht wahr, schön oder gut. Ab davon, dass mit ein wenig Erfahrung derlei Verzerrung meist auffliegt, frage ich mich, warum denn die Ehrlichkeit flöten geht. Ist Schein wichtiger als Sein? Der Eindruck, man müsse nur ein möglichst großes Bohei um sein Werk und seine Person entfachen, drängt sich auf. Haben solche Menschen ein übersteigertes Selbstwertgefühl oder gar ADHS? Speziell bei den künstlerisch und handwerklich nicht so weit entwickelten Kolleginnen und Kollegen ist das Praxis. Selfies mit den „Stars“ der Szene oder Fotos als grimmiger Gangsta oder halbnacktes Nymphchen sollen die Qualität der eigenen Tattoos aufhübschen. Die werden – mit und ohne Bildbearbeitung – täglich gepostet, mit feinsinnigen und stolzen Kommentaren versehen und entbehren jeden Funken Selbstkritik. Stattdessen fallen dann Worte wie „super“, „wunderschön“ oder „Masterpiece“. Urteile, von denen das dürftige Teil natürlich meilenweit entfernt ist. Und schon hagelt es von allen Seiten Lob und Likes, man ist ja vernetzt und sooo freundlich, äh, befreundet untereinander – nur die wirklichen Fachleute sagen nix. Die haben ja auch gut zu tun den ganzen Tag… 

Der Blick über den Tellerrand, mit etwas Abstand zum eigenen Werk, wäre da mal angebracht. Vor allem würde es einen weiterbringen. Konstruktive und ernstgemeinte Kritik lehrt uns nur Gutes. Nur ist die wohlwollende Kritik andererseits vom vernichtenden Haten im Netzwerk nicht einfach zu unterscheiden. Ja, wer sich dort tummelt und vor allem alles ernst nimmt, hat’s schon schwer. Auf diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten wollen gerne alle mitspielen, selber zum sogenannten Star werden. Auch wenn die Qualitäten eher lau sind oder nur mit Getrickse eine zweifelhafte Berühmtheit erreicht wird. Seltsamer Trend, das. 

Daher verwundert es auch nicht, dass gerade in Zeiten dieser globalen Vernetzung das Wahre und Gute mehr und mehr vergessen wird und in den Hintergrund gedrängt wird. Während in modernen Zeiten die depperten tätowierten Sinnsprüche zur hohen Philosophie erhoben werden, verschwindet ein schönes Pe’a in der Bedeutungslosigkeit. Dabei hätten gerade diese traditionellen Tattoos ja Aufmerksamkeit verdient. Der Trend, sich westliche Traditionals stechen zu lassen, ist sicher zum Teil auch der Sehnsucht geschuldet, etwas Echtes in einer deutlichen Bildsprache zu tragen. Nur hat der tausendfach tätowierte Anker natürlich schon lange die tiefe Bedeutung verloren, die er bei Seeleuten über Jahrhunderte hinweg hatte. Ein Ankerchen in fünf Zentimetern Größe am Handgelenk bedeutet ja nicht, dass die Trägerin schon tieferes Wasser als die heimische Badewanne erlebt hat. Das ist aber auch nicht wirklich wichtig und das bisschen Angeberei im Netzwerk ist auch schon wieder verziehen. Nur sollte auch klar sein, dass derlei Tattoos eben nichts mit Individualität und der tiefen Wahrheit eines Pe’a zu tun haben. „Tattoo-Stecher als Schamanen des digitalen Zeitalters“ wie der „Rolling Stone“ in seiner letzten Ausgabe schreibt? Na, ich weiß nicht. Wenn selbst die uralten mystischen Tattoos aus Polynesien in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, weil andere Trends wie die unsäglichen „Aquarelle“, seien sie auch noch so untauglich, nach vorn geschwindelt werden, ist es nicht weit her mit dem Schamanismus. Etwas mehr Demut und Bescheidenheit müsste schon sein. Und Wahrheit. Damit das Gute und Schöne wieder gewinnen kann, nörgelt der Maik.

Maik Freys Wilde 13 | Sirnauer Straße 23 | 73728 Esslingen

www.wilde13tattoo.de

TKM | 06/2015

Maik Frey ist Mitbegründer des DOT e.V. und des UETA, wie er uns in unserer letzten Ausgabe erzählt hat. Außerdem Veteran der deutschen Tattoo-Szene, Inhaber der „Wilden 13“ in Esslingen bei Stuttgart und Musik-Enthusiast der alten Schule mit offenem Ohr für Newcomer. Wie es sich für einen alten Seeräuber gehört, hat er schon viele Tattoo-Meere bereist und ist immer für ein ehrliches Gespräch zu haben.