Nicht für Money, Fame and Bitches!

Eigentlich sollte hier stehen, dass ich mich sehr geehrt fühle, für die kommende Ausgabe schreiben zu dürfen. Das bin ich auch auf eine bestimmte Art und Weise, zumal mir dieses Magazin bereits sehr geholfen hat und mir die Möglichkeiten gegeben hat, mich konstruktiv in unseren Sektor einzubringen. Ich benutze bewusst das Wort Sektor. Ja, eigentlich sollte ich sogar „Industriezweig“ sagen, denn eine Szene ist es schon lange nicht mehr – und schon kommen wir zum Grund, weswegen ich gebeten wurde, diese Zeilen zu schreiben.

Bis vor Kurzem hatte ich das Gefühl, dass ich der Einzige oder zumindest einer von Wenigen sei, dem die ganze Entwicklung unserer Industrie zu weit geht. Überall in den sozialen Netzwerken liest man nur noch: gesponsert und gepowert von diesem und jenem. Große Namen stehen mit verschränkten bunten Armen schlecht gephotoshopt für Tattooprodukte ein. Ich habe das Gefühl, es gibt zig verschiedene Tattoo-TV-Formate und als wenn das nicht reichte, wird zum Casting für deutsche TV-Formate aufgerufen.

Auf der einen Seite mag das ja nicht schlecht sein. Mit den TV-Shows kamen letztlich auch die Klienten und der große Geldsegen. Aber es kamen eben auch die ungewollten Kunden. Die Kunden, welche meinen, dass das Tattoo von der Entwicklung über das Stencil bis hin zum abgeheilten Ergebnis nur 20 Minuten dauert. Die Kunden, welche sich schon aufregen, wenn sie mal fünf Minuten länger warten müssen, und die, welche ihre individuellen Sterne und – weiß der Geier welches Zeichen gerade modern ist – haben wollen. Wir kamen quasi in der Mitte der Gesellschaft an und so sah sich die Gesellschaft gezwungen, uns schärfer zu regulieren. Tatsächlich sind wir so gut inmitten der Gesellschaft angekommen, dass man uns sogar im Schnellschuss gesetzlich regulieren möchte. Könnt ihr euch noch erinnern, wie jeder über das Inkrafttreten der deutschen Tätowiermittel-Verordnung geflucht hat? Das waren noch Zeiten.

Es gab aber noch ein anderes Phänomen. Tattoo-Studios schossen wie Pilze aus dem Boden. Namenlose Autodidakten, die sich alle Tattoo-Artists nannten, waren von heute auf morgen auf der Bildfläche erschienen und begannen den alteingesessenen Studios das Leben schwer zu machen. Sei es durch Qualitätsunterschiede, durch Preiskämpfe oder einfach dadurch, dass man einen Pfusch hat covern müssen. Man hat durch die mediale Präsenz eben erkannt, dass man mit Tattoos Geld machen kann. Money!

Hier spätestens muss man sagen, dass Tattoos nicht nur in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, sondern das Ganze bei Weitem schon über das Ziel hinausgeschossen ist. Mittlerweile hat sich ein „Masse- statt Klasse-Verhältnis“ eingestellt. Es gibt so viele Tätowierer oder solche, die behaupten, Tätowierer bzw. Künstler zu sein, leider aber nur eine Hand voll Ausnahmetalente. Wozu soll man denn auch heute noch eine klassische Tattoo-Lehre machen, wenn man die Möglichkeit hat, mit Web-Seminaren, youtube-Videos, DVDs und Plug’n’Play-Maschinen einfach loszulegen. Warum sollte ich Nadeln löten (ich weiß, das muss man heute nicht mehr) oder Griffstücke reinigen, aber vor allem mich blöde von einem alten Sack anmachen lassen, wenn ich mit wenigen Schritten an Informationen und Hardware rankomme und an künstlicher Haut rumkratzen kann, bevor ich dann auf meine Kunden losgehe, die ich für teures Geld verschandeln kann, denn Kunst liegt im Auge des Betrachters und mein Tattoo ist Ausdruck meiner Kreativität. Und so kommt es, dass viele der heutigen Tätowierer – ähnlich wie bei DSDS oder Germany’s next Topmodel – mit einer unglaublich danebenliegenden Selbstwahrnehmung eine Arroganz an den Tag bringen, die seinesgleichen sucht.

Aber auch der letzte selbsternannte Tattoo-Artist möchte gerne wissen, warum sein Tattoo in der Haut verläuft oder warum eine Linie direkt nach dem Stechen aufsteht und so trifft sich die neue Elite der selbsternannten Artists in Scratcher-Foren. Dort wird fleißig diskutiert und sich Pseudowissen angeeignet. Schließlich kommen die Autodidakten meist zu dem Schluss, dass es das Werkzeug sein muss. Falsche Nadeln und meistens die Farben tragen nun die Schuld. Auf die Idee, dass es entweder Infektionen durch mangelndes Hygieneverständnis, mangelndes technisches Können oder einfach nur Direktreaktionen der Haut auf die Tätowierung selber sind, kommen sie nicht.

Hätte ich mich einem Meister untergeordnet und diesem lange genug über die Schultern geschaut, so wüsste ich, wie man tätowiert oder wie eben typische und atypische Reaktionen aussehen. 1:0 für die klassische Ausbildung. 

Ein anderes großes Thema der Tattoo-Neuzeit ist das Sponsoring. Täglich kommen Anfragen zu uns ins Haus, ohne dabei auch nur annähernd eine gewisse Form der Höflichkeit zu wahren. „Hey, kannst du mich sponsern, ich bin Tattoo-Artist! Hier sind mein Tattoowierungen, Tätovierungen, Tättoowierungen“ – oder wie auch immer geschrieben. Und wenn du nicht antwortest, bekommst du innerhalb von 12 Stunden drei Fragezeichen geschickt. Innerhalb von 24 Stunden knapp zehn Fragezeichen und vielleicht mal ein Hallo. Witzig finde ich, dass meist gerade solche Leute in Facebook ähnliches Fehlverhalten monieren. Ist doch klar, dass ich darauf nicht antworten kann, oder? Was soll ich diesem Artisten auch sagen? Ich meine, übersetzt lautet die Anfrage doch eigentlich: „Ich möchte einfach nur billig was abgreifen und versuche mein Glück bei dir und ich glaube ich bin gut genug dafür! Schließlich sehe ich in Facebook, dass so ziemlich jeder unter seinen Tattoo-Bildern zig Sponsoren genannt hat. So schwer kann das doch nicht sein!“

Hierhinter steckt – so glaube ich – eine Realitätsverzerrung oder Bewusstseinsstörung. Ich vermute, dass das Taggen in Bildern als freundliche Unterstützung von Tätowierern angefangen hat. Dann wurde das wohl von anderen aufgegriffen und weitergeführt, um den Bildern quasi eine Aufwertung zu geben und letztendlich gehört es zum guten Ton, in die Werke die großen Brands zu taggen, denn ohne ist man schließlich nichts wert. Man erweckt ja quasi den Anschein, dass man frei ist und niemand einen haben möchte. Doch ist Freiheit nicht ein schützenswertes Gut? Laut Google wird Freiheit in der Regel als die Möglichkeit verstanden, ohne Zwang zwischen allen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können. War das nicht einer der Beweggründe, warum damals die meisten von uns Tätowierer geworden sind bzw. hier arbeiten? Ich glaube schon! Für mich auf jeden Fall. Ausgrenzung von der Gesellschaft, Eigenbestimmung und Freiheit. Die Freiheit haben, tun und lassen zu können, was man im Rahmen der Gesellschaft eben frei machen kann.

Stattdessen suchen die Artisten nach Sponsoren. Ja, drängen sich im wahrsten Sinne des Wortes auf. Ohne dabei im Hinterkopf zu behalten, dass durch Sponsorenverträge die Freiheit des wirklichen Künstlers eingeschränkt wird. Schließlich habe ich mich vertraglich verpflichtet, nichts anderes zu nutzen und zu bewerben (und zwar in jeder Situation), dass sie das Produkt der Firma XYZ benutzen und es gut finden. Auch stellt man sich die Frage, warum immer mehr durchschnittliche Tätowierer in sogenannten Pro-Teams stehen bzw. sitzen. Ich glaube, hier fehlt das Bewusstsein, dass der jeweilige Tätowierer einfach nur zu einem Marketingtool umfunktioniert wird. Ja, der Tätowierer wird instrumentalisiert.

Was in den Anfängen des Pro-Teams vielleicht noch als PROfessional-Team galt – schließlich saßen große Namen in den Reihen der Formular-„Tattoo“-Ställe auf den Conventions – ist heute nur noch ein PROmotion-Team auf den Messen der Welt. Denn die großen Brands haben erkannt, dass man mit dem kleinen Heizifeiz-Tätowierer auch genug Geld machen kann, ohne diesem eine Gage zahlen zu müssen. Und der Heizifeiz braucht die Anerkennung! Fame!

Doch zurück zu den Sponsoringanfragen: Eines sei hier zu den Autodidakten gesagt. Warum denkt ihr, dass ihr so gut seid und hausieren gehen könnt? Ihr habt nicht einmal eine ordentliche Präsentation eurer Werke und kein ordentliches Anschreiben. Solch eine Bewerbung wird bereits in der normalen Gesellschaft nicht akzeptiert. Warum dann hier in der Tattooindustrie? Immerhin ist das Anschreiben ein Zeichen des Respekts und ein Zeichen der Höflichkeit. Und vor allem Respekt musste man sich schließlich früher verdienen. Und noch etwas. Nicht der Tätowierer sucht den Sponsor, sondern umgekehrt. Wenn ihr so gut seid, dann wird eines Tages schon einer auf euch zukommen und eure Leistung honorieren. Also hört auf zu suchen und strengt euch lieber an, perfekte Arbeiten abzuliefern. Hört auf, euch selbst so extrem zu feiern und nach außen hin zu präsentieren. Ihr verhöhnt damit diejenigen, die das Tattooing überhaupt so weit gebracht haben, ja, salonfähig gemacht haben. Hört auf, die falschen Götter anzubeten und lernt lieber was über die Vergangenheit des Tätowierens. Denn wer die Vergangenheit nicht ehrt, ist in der Zukunft nichts wert!

Ich für meinen Teil weigere mich zu sponsern. Klar schenke ich mal hier und mal da jemandem ein Fläschchen oder ein Döschen. Habe aber nie jemanden vertraglich gezwungen, unter jedes Bild meinen Servus zu setzen. Ich honoriere Leistung und das ist gut so! Wenn jemand Produkte gegen einen kleinen Obulus oder umsonst verdient hätte, dann sind es die alten Namen wie zum Beispiel Maik Frey, Tom Hanke oder die bereits verstorbenen Klaus Zimmerer und Savas Papanikolaou. In meinen Augen nur eine kleine Aufzählung von Namen, welche der Tattoo-Szene Gutes gebracht haben, diese vorangebracht haben. Personen, die einstanden für Freundschaft, Freiheit und Ausgrenzung von der Gesellschaft. Nicht für Money, Fame and Bitches!

TKM No. 08 | 2015

Michel und Kathi =)
checkt: www.ftwiamink.com