Fear nothing but a cage

Ich freue mich, diese Kolumne schreiben zu dürfen. Es ist mir eine Ehre, die mich auch mit etwas Unbehagen erfüllt. Denn ich bin sicherlich keine geübte Schreiberin. Da ich aber der irren Auffassung bin, mich immer wieder neuen Herausforderungen stellen zu wollen, kam ich zu der fast misslichen Lage, das Vorwort eines Magazins zu schreiben, welches von wesentlich fähigeren Schreibern bereits hochwertig geprägt wurde. Nun gut. 

Es ist der Abend vor meiner Abreise in den Schwarzwald. Ich freue mich sehr. Eine Woche werde ich als Gasttätowiererin in Freiburg verbringen. Der Aufenthalt dort dient meiner Gastgeberin Tina und mir als Gelegenheit, uns einmal ausführlich auszutauschen. Bis spät in die Nacht werden wir über das Tätowieren, Zeichnen und über Maschinen reden, Bücher wälzen sowie Skizzen anfertigen. Während Tina eine solide Ausbildung bei einem Lehrmeister absolviert hat, habe ich mir eher viele unterschiedliche Techniken bei unterschiedlichsten Tätowierern abgeschaut oder sie wurden mir gezeigt. Unsere Erfahrungen und unser Wissen ergänzen sich also perfekt. Ebenso gerne verbringe ich Zeit in Hamburg. Tschiggys Laden ist ein rege besuchter Ort mit markant unterschiedlichen Charakteren, wo ich meinen ausgiebigen Sozialobservationen mitten im Geschehen frönen kann. Zwischen sorgfältig gesammelter Nautik- und Tattoo-Devotionalien finden Neuigkeiten Gehör, läßt sich Hamburgs Lokalpolitik diskutieren oder es wird herzlich und ausgelassen gelacht. 


Eine der schönsten Aspekte des Tätowierens ist für mich die Möglichkeit des Reisens. In der Zeit ohne Internet, geschweige denn virtueller sozialer Netzwerke, waren Besuche bei anderen unabdinglich: ob Stippvisite beim Tätowierer in der Nähe oder eine weite Reise, die unternommen wurde, um eine neue Tätowierung zu erhalten und um an Wissen zu kommen oder dieses weiter zu geben. Diese direkte Weitergabe von Informationen ist nachhaltiger als irgendeine andere Form der Recherche und der Wert dieses Wissens war und ist dadurch umso höher. Als ich mit dem Tätowieren begann, gab es natürlich schon das Internet, Informationen waren bereits leichter zugänglich als zuvor, dennoch hat für mich das Reisen einen hohen Stellenwert. Jede persönliche Begegnung mit einer signifikanten Person prägt, was ein maßgeschneidertes Abbild dieser Person im World Wide Web nicht zu kompensieren vermag.

Neben der Besuche verschiedener Studios hierzulande haben mich meine Reisen in verschiedene Länder gebracht. Sehr häufig war ich in England, im Süden in den Städten Portsmouth und Brighton, natürlich in London und weiter im Norden in den Städten Leeds, Sheffield und Doncaster. Hier interessierten mich vor allem die klassisch-traditionellen Tätowierungen. Eng verknüpft ist in Großbritannien das Militär mit dem Tätowieren, was dazu führt, dass es nur wenige untätowierte Soldaten gibt. Ein Umstand, dem ich als Sechsjährige meine persönliche Entdeckung der Möglichkeit gezielt pigmentierter Haut zu verdanken habe, versetzte mich mein vergeblicher Versuch, spuckrubbelnd eine Schwalbe auf dem haarigen Unterarm eines Soldaten zu entfernen, doch in größtes Erstaunen. Der Beginn einer andauernden Faszination und später Grund genug, den Ursprung ebensolcher Tätowierungen herausfinden zu wollen.

Einen kurzen Einblick in Russlands Tattoo-Szene konnte ich vor einigen Jahren bei der Tattoo Convention in St. Petersburg bekommen. Bemerkenswert fand ich die Größe der Veranstaltung, denn nur etwa 40 Stände aus unterschiedlichen Teilen des Landes angereister Aussteller in einer Millionenstadt wie dieser erschien mir doch etwas wenig. Im Allgemeinen bekam ich den Eindruck, das Tätowieren sei noch wesentlich weniger dem konsumierenden Mainstream ausgesetzt, sondern mehr noch einer kleineren verschworenen Einheit vorbehalten. Genau werde ich das nie ermitteln können. Zahlen, die meine Beobachtungen belegen, existieren nicht und vermutlich wird auch keine wissenschaftliche Abhandlung dies je thematisieren. Tätowieren ist geprägt von Empirie, Beobachtungen und Erfahrungen. Und dabei bestimmen vielerlei Mentalitäten und Auffassungen das Bild.

Aufrichtiges Interesse am Tätowieren wird Türen öffnen und wahre Schatzkammern offenbaren. Häufig präsentieren Läden pralle Sammelsurien alter Maschinen, originale Flash-Sets von den Ikonen verschiedener Epochen oder Schwarz-Weiß-Fotografien aus vergangenen Zeiten. Ein geplanter Kurzbesuch artet mitunter in einem mehrstündigen Gespräch über die Anfangszeiten des Eigentümers vor mehr als 40 Jahren aus. Beim Betreten manch eines Studios sorgt die stilkreierte Atmosphäre schon für eine gewisse Ehrfurcht und Ernsthaftigkeit im Umgang mit dem Thema Körperkunst, wieder andere suggerieren einen direkteren, unkomplizierten Umgang. Dabei hat jede kleine Welt eine andere Seele, die begriffen werden möchte. 

Ich kann nur jeden dazu ermutigen, Käfigtüren zu öffnen, wenn sich die Gelegenheit ergibt: rausgehen, Dinge erforschen, dem Ganzen auf den Grund gehen, fernab von Marketing und Image. Tätowieren ist mehr, als das neue Modebild auf den Punkt bedienen zu können oder alle 192 Farbtöne einer Farbserie zu besitzen, mehr als hashtags, likes und followers. 

Meine Neugier wird mich sicher immer wieder zu neuen Reisen antreiben. Bedauerlicherweise ist es mir nicht möglich, in der Zeit zu reisen – also noch nicht… 

Text: Fiona Coogan

Fioniverse Inc. | Grethenstr. 9a | 50739 Köln

http://www.fioniverse.com

Quelle: TKM #13

Fiona Coogan betreibt ihr eigenes kleines Universum in Köln, reist nebenher gern und wäre übersachdienliche Hinweise dankbar, wo sie eine T.A.R.D.I.S. (Time and relative Dimension in Space, Raum/Zeitmaschine von Doctor Who) klauen kann.