Im Jahr 2019 gibt es in Deutschland keine Regelung, die vorschreibt, ob es sich beim Tätowieren um ein Gewerbe, oder eine künstlerische, freiberufliche Tätigkeit handelt. Es gibt in diesem Land Berufsverbände, die vorgeben, sich teils seit langem für den Berufsstand der Tätowierer einzusetzen. Bei näherer Betrachtung stellt sich die Frage, ob sie das wirklich tun. Fakt ist, Tätowieren ist auch hier zu einem Monstrum geworden, das alle Aspekte, positive wie negative eines Massenphänomens, in sich birgt. Die Zeiten, als Tätowierer wie eine Handvoll Piraten durch die Welt zogen und nur eingefleischte Enthusiasten ihre Dienste in Anspruch nahmen, sind längst vorbei. Bereits vor über zwei Jahrzehnten entdeckten Geschäftsleute, dass da mehr zu holen ist. Es waren Kaufleute, die entdeckten, dass es enorme Profite in sich birgt, Tätowierzubehör an jeden zu verkaufen, der im Besitz eines Gewerbescheines ist. Das dieser Gewerbeschein durch die Vorlage eines gültigen Ausweises und für geringe Gebühr erhältlich ist reichte, ihr Gewissen zu beruhigen und davon auszugehen, dass nach der schwierigen Hürde der Gewerbeanmeldung ihre Verantwortung erfüllt ist, ein gesundes Wachstum und würdige Entwicklung dieser Kunst zu gewährleisten. 

Die Folgen dieses Handelns sind denen von uns, die sich schon etwas länger mit dem Tätowieren befassen, bekannt. Erst völlig unreflektierter Zugang zu Werkzeugen und Materialien, die zur Herstellung von Tätowierungen nötig sind, brachte eine Flut von Studios, zweifelhafte Protagonisten unseres Faches und daraus resultierende Probleme mit sich.   

Der eigentliche Durchbruch der Tätowierung, die Etablierung und abermalige Renaissance dieser wohlmöglich ältesten Kunst des Menschen, durch sämtliche Gesellschaftsschichten, fand bereits Mitte der neunziger Jahre statt. Erst eine tiefgreifende Reform der Hygiene beim Tätowieren, die nach der rasanten Verbreitung des HIV-Erregers, vor allem an der Westküste der USA, zehn Jahre zuvor erforderlich wurde, ermöglichte diesen Durchbruch. Noch vor der Zeit von Internet, E-Mail, Berufsverbänden, großen industriellen Zulieferern, organisierte und informierte sich die Tätowiererschaft global und reformierte die hygienischen Standards des Tätowierens. Alle heute üblichen Maßnahmen sowie Kernpunkte der jetzt aufkommenden Hygieneverordnungen, die Kreuzkontamination beim Tätowieren vermeiden, waren bereits 1995 entwickelt. Sie wurden und werden seitdem von „Eingeweihten“ praktiziert. 

Diese hygienische Revolution entstand ohne Zwang von Behörden, jedwede Regulierung, oder organisiert durch Berufsverbände. Sie entstand aus ethischem Verständnis der eigenen Tätigkeit,  bewusster Verantwortung für sein Handeln, den zuvor vermittelten Werten und der Ernsthaftigkeit, die Menschen, die das Tätowieren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlernten, noch vermittelt wurden. Manche dieser Tugenden wurden in unserer Kunst fortgesetzt, aber spätestens mit dem Erscheinen von „Fachmagazinen“, die zur Selbsterhaltung mehr Wert auf Unterhaltung als auf seriöse Inhalte setzten, sowie dem Auftauchen der ersten „Tätowier Fernsehformate“ zu Beginn dieses Jahrtausends, gewann der Kommerz vollumfänglich die Überhand über die Kultur dieser Kunst.   

Zu dieser Zeit tauchten, auch in Berufsverbänden, die ersten Experten auf, die es für sinnvoll hielten, völlig Branchenfremde in ihren eigenen Reihen zunächst als Berater und dann auch als Gestalter zu installieren. Alles im Sinne des Tätowierens selbstverständlich! Was im vergangenen Jahrzehnt in diesem Land seitens der sich als verantwortlich für das Tätowieren Zeichnenden fabriziert wird, kann man getrost dem Bereich der Profilneurose zuordnen.

Völlig ungefragt und ohne über die Folgen nachzudenken, holen sie immer weitere Experten in ihre Gremien. Juristen, Pharmazeuten, Chemiker und Versicherungskaufleute. Anscheinend völlig überzeugt davon, dass all diese „Helfer“ nie etwas für ihre Expertise erwarten. Tätowierer wurden plötzlich zu „Gutachtern“ in Gerichtsprozessen, manche initiiert durch Anwälte, die doch sicher nur das „Beste” für ihre Klienten erringen möchten. Manchmal gelingt es zu Unrecht gebeutelte Kollegen, sich vor dem persönlichen Ruin durch Schadensersatzklagen eines „unzufriedenen“ Klienten zu retten, manches Mal stehen sie aber auch Pate bei völlig sinnfreier Erkenntnisschöpfung von Juristen zum Thema Tätowieren. Hauptsache, man ist wichtig und gut bezahlt wird diese Nebentätigkeit schließlich auch. 

Ihr habt es verkauft! Verkauft an Leute, denen das Tätowieren so wichtig ist wie Donald Trump der Weltfrieden oder Frauenrechte. Viel Schlimmer noch, inzwischen habt ihr das Zepter übergeben, an Menschen, die sich gewieft wie Berufspolitiker, in eure Reihen geschleimt haben. Sie haben erkannt, welch unerschöpflicher Markt sich hinter diesem Geschäft mit den Tätowierungen verbirgt. Sie haben euch das Heft aus der Hand genommen und sitzen nun bei Regierungsrunden in der ersten Reihe und sind Gesprächsführer für die „Belange“ des Tätowierens.

Manche der Vertreter, die heute meinen, den Berufsstand des Tätowierens zu repräsentieren, offenbaren ein Minimum an Basisinformation zur Geschichte des Tätowierens in diesem Land. Geschweige denn haben sie einen blassen Schimmer über  wirklich relevante Themen. Sie plärren ihr Halbwissen öffentlichkeitswirksam in jedes Mikrofon und jede Kamera. Sie verbreiten ihren, zum Teil unfassbar schädlichen geistigen Dünnschiss, oftmals unter dem Jubel einer Spezies, die glaubt zu den „besten“ Tätowierern dieses Landes zu gehören und fühlen sich dabei tatsächlich als die Retter des Tätowierens. Dabei haben sie eins immer ganz besonders im Auge, ihr eigenes Geschäft, ihren Berufszweig in die Kunst des Tätowierens einzuflechten wie ein Krebsgeschwür.

Sie verkaufen uns ausufernde Hygiene-Richtlinien als dringend erforderlich. Sie haben eine Vielzahl von dazu passenden Seminaren und Zertifikaten in der Schublade, die natürlich alle dem Zweck dienen, das Tätowieren “sicherer“ zu machen und nicht, ihnen die Taschen zu füllen. Sie erklären ihre Konstrukte, deren Kontrolle sie vor vielen Jahren schon verloren haben mit: „Wenn wir das nicht gemacht hätten, wären die irgendwann gekommen und hätten noch was viel Schlimmeres gemacht…!!!“   Wirklich? Wer wäre gekommen? Es gab keinen Bedarf. Tätowieren war, wie bereits in den ersten Zeilen dieses Textes erklärt, im Jahr 1995 bereits SICHER! Diesen ganzen Unsinn habt ihr euch andrehen lassen, mehr nicht. 

Materialien, die praktisch erprobt, viele Jahrzehnte für den Verbleib in der menschlichen Haut geeignet waren, sind inzwischen verbannt und sind durch Produkte ersetzt worden, die mit dem Laser entfernbar sein müssen. Dass diese als nun „unbedenklich“ deklarierten Produkte erst eine ganze Palette an neuen Problematiken eröffnet hat, wollen die Initiatoren dieses Unsinns sicher nicht zugeben! Wer hat der „Laserlobby“ und ihrer unfassbaren Lüge über die „Entfernung“ von Tätowierungen den Weg geebnet?  „Experten“ in unseren „Berufsverbänden“! Dass es sich bei dieser angeblichen „Entfernung“ um einen plumpen Betrug handelt, haben die „Experten“ nicht bemerkt. Nichts wird entfernt, sondern nur verschoben.

Die Fehler der „Gestalter“ unseres Berufsbildes sind bei näherer Betrachtung sehr umfangreich und die Folgen ihres Handelns für die Ausführenden, sowie die Rezipienten der Kunst des Tätowierens oft schädlicher als von wirklichem Nutzen. 

Wann endlich wird den „Gestaltern der Berufsverbände des Tätowierens“ klar, dass dieser Beruf von Menschen und nicht von Fernsehstars ausgeführt wird. Physische Spuren wie ein kaputter Rücken, malträtierte Hände, ruinierte Augen und eine labile Psyche sind für viele typische Folgen eines langjährigen leidenschaftlichen Engagements in dieser Kunst. Die Leistungskurve im Alter geht nach unten, die Krankenversicherungskosten für die meisten Tätowierer in Deutschland werden ins Unermessliche steigen. Altersarmut ist bei vielen zu erwarten. Wie kann man Tätowierern in diesem Land dazu raten, ihre Tätigkeit besser als Gewerbetreibende auszuüben, als sich als freischaffende Künstler zu deklarieren. Ganz einfach, weil sie sich als Gewebetreibende bald dem Korsett der Gewerblichkeit und des Verbraucherschutzes unterzuordnen haben und sie dann für findige Akteure besser regulierbar sind. Als Künstler sind Tätowierer vom Artikel 5 Absatz 3 unseres Grundgesetztes genauso so schützenswert wie andere Künstler in diesem Land auch. Dass Tätowierkünstlern im Jahr 2019 ein Zugang zur Künstlersozialkasse nicht unter denselben Kriterien möglich ist, wie anderen Gattungen der Bildenden Kunst zeigt, dass es keine vorurteilsfreie Wahrnehmung unserer Kunst an entscheidenden Stellen gibt. In öffentlicher Wahrnehmung längst als Kunst akzeptiert, nach dem Musikgeschäft, liefern Tätowierungen wohlmöglich die höchsten Umsatzzahlen im Kunstbereich. Etablierte Museen widmen sich inzwischen häufig unserer Kunst, wahrscheinlich der großen Besucherzahlen solcher Ausstellungen wegen. Wir sind bei weitem mehr als Dienstleister in dieser Gesellschaft. Die psychosozialen Aspekte unserer Kunst sind gewaltig und der Dienst, den ein Künstlerleben als Tätowierer dieser Gesellschaft erweist, sollte uns längst dazu berechtigen, denselben Schutz zu genießen, wie ihn andere Künstler in diesem Land auch haben. Den Schutz vor sinnfreien, kommerziellen Aspekten untergeordneter Regulierung.    

HEIKO GANTENBERG AKA DR. NOTCH
Dr. Notch ist mit Leib und Seele Tätowierer. Seine Ausbildung absolvierte
er unter der Feder von Russel Myers (Electric Dragon, Boise-
Idaho USA) und eröffnete 1989 das Top Notch Tattooing in seiner
Heimatstadt Marl. Nach seiner dreijährigen Weltumrundung ist er
bis heute stark engagiert, die Kunst des Tätowierens zu wahren und
seine Erfahrungen auf Vorträgen und Seminaren weiter zu geben.
In diesem Jahr gründete er den Verein Tätowierkunst e. V., dessen
Vorsitz er hält.
@dr.notch
www.top-notch.org
Foto: Lisa Kindberg