Summa Summarum

oder: The Tattooers Guide to Liquiditätsübersicht.

Guter Künstler – schlechter Kaufmann? Auf keinen Fall…! 

Irgendwo habe ich diesen Spruch aufgefangen… und ja, zuweilen kommt mir in den Sinn, dass da schon was dran ist. Der Volksmund sagt, über Geld spricht man nicht, doch wenn das Tattoo-Studio geschlossen ist, mag es ratsam sein, darin einige Gedanken zu „investieren“ (HAR, HAR…). 

Ich habe in den vergangenen 14 Tagen des Corona-Shut-Downs verschiedene Phasen erlebt. Aber eines zieht sich bei mir wie ein roter Faden durch alle Phasen: Die Frage, wie das alles finanziell weitergeht. 

Wer seit etlichen Jahren ein Studio sein eigen nennen darf und kaufmännisch klug war, der geht vielleicht entspannter durch den aktuellen Zeitraum, entschleunigt und genießt. Vielleicht greifen die #flattenthecurve-Maßnahmen ja auch und sehr bald dreht sich die Wirtschaft weiter. Das wäre der Idealfall. 

Bei mir ist nach der Übernahme des FINE LINE vor gut zwei Jahren und der umfangreichen Renovierung noch eher „Existenzgründung“.

Deshalb wollte ich nach der behördlichen Schließungsanordnung „zacki“ anderes Zeug malen, zusätzlich für das Kollektiv der Zuhause-Bleiber etwas Gutes tun (Kindermalkurse Online, die es jetzt sogar gibt) und später kamen Gedanken über den Vertrieb von Drucken und Gutscheinen. 

Doch irgendwann kam mir in den Sinn, dass der eigentliche Gedanke dahinter die Frage war, wie ich denn alle Kosten so decken soll. Klar, „so irgendwie“ weiß ich, was alles zu bezahlen ist… aber wann waren denn nochmal die vierteljährlichen Abbuchungen von der Website (und wie hoch?), wann ist die nächste Einkommensteuer-Vorauszahlung und wann ist die Kfz-Steuer fällig (ähm, in welcher Höhe?) und – ach ja – der Müll vom Laden wird ja auch nur im Quartal bezahlt… puh…! Ganz schön komplex!! 

In dieser Ausnahmesituation war natürlich der erste logische Schritt: Schnellstmöglich vermeidbare Kosten senken und dort Gespräche führen, wo es das Meiste zu Reduzieren gibt. Dabei ist es teilweise schon sehr amüsant, welche Erfahrungen ich dabei gesammelt habe. So wollte gar eine der Stellen, dass ich eine Forderungsabtretung für den Soforthilfe-Zuschuß unterzeichne. Echt, Dein Ernst? Bist Du eventuell mit drei Streifen auf den Schuhen unterwegs?!?  

Zugegeben hatte ich auch einige Erfolge, die vor allem bei schlechter Tagesform gut getan haben! Klar, aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Doch ein Laden der nicht läuft produziert kein Müll. Alleine das spart knappe € 80,– im Monat. Eine eMail und ein Telefonat… das war´s. 

Dann kamen die ersten Signale mit dem Soforthilfe-Maßnahmen für „Solo-Selbständige“. In NRW war recht schnell im Gespräch: für 3 Monate sollen es 9.000 EUR sein. Das klingt erstmal verdammt viel. Doch was steht im Kleingedruckten?  (Achtung, hier kann es in den Bundesländern Abweichungen geben!) Auf der Internetseite wirtschaft.nrw steht als Zweck „um finanzielle Engpässe, wie z.B. Bankkredite, Leasingraten, Mieten usw., zu bedienen“. Der Tenor lautet dabei zumeist auf „geschäftliche Kosten“. Hier kann sich natürlich täglich die Auslegung ändern, weshalb man da täglich dran bleiben sollte – und sich mitunter die Sachen vielleicht auch kopieren sollte.  

In dem Bewilligungs-Bescheid kommen dann verschiedene Anforderungen und die klare Aussage, dass die Zweckgebundenheit ganze 10 Jahre prüfbar ist. – Und an dem Punkt war für mich klar, dass ich zuerst meine Hausaufgaben mache, bevor ich auch nur einen Cent irgendwohin bezahle. 

Das Zusammentragen der gesamten geschäftlichen und privaten Kosten hat so manche Stunde in Anspruch genommen. Wer über online-Banking verfügt sollte hier in den Umsätzen mit der Suchfunktion arbeiten… das spart eine Menge Zeit! 

Am Ende war es eine Fleißarbeit, die mich inklusive Erstellung einer Tattoo-tauglichen Tabelle mehrere Tage gekostet hat. Und je länger ich damit beschäftigt war, desto mehr kam mir in den Sinn, diese Arbeit allen zur Verfügung stellen zu wollen, die sich als Selbständige, Freiberufler oder Künstler in der gleichen Situation befinden. Ich habe mich zeitweise echt schwer abgemüht, um die ganzen Zahlen in eine Struktur zu bringen. 

Davon ausgehend, mit meinem Intellekt und kaufmännischen Wissen „irgendwo in der Mitte“ angesiedelt zu sein war für mich klar, dass ich bestimmt in dieser Situation nicht der einzige bin. Zwei Freunden habe ich anschließend die Tabelle gegeben, die selber mit Begeisterung an dem Modell deren Läden aufgestellt haben. Zum Glück hatten wir alle verschiedene private Situationen, so dass jetzt sogar eine ziemliche Bandbreite an Anregungen zusammengetragen werden konnte. 

Wie sollte ich nun diese Info in die Fläche geben? Da kam mir die gute Sabrina in den Sinn, weil ich mit ihr teilweise in Sachen Berufsverband schon telefoniert habe und wir auch bei dem PinUp-Projekt Guns-and-Girls stets einen guten Draht hatten. 

Sie fand die Idee ebenfalls direkt klasse und so erhält nun Dank ihrem Support jeder Zugang zu dem Tattoo-Kosten-Leitfaden. Nach unserer Philosophie ist es wichtig, sich als „Szene“ untereinander zu unterstützen. Und so würden wir uns freuen, wenn es auch nur einem kreativen Kopf hilft, seine Finanzlage etwas besser zu überschauen. 

Ich kann nur feststellen, dass mir der gesamte Aufwand einen völlig neuen Blick auf die Zusammenhänge aller meiner finanziellen Verpflichtungen gegeben hat. Ist nicht punk und ist auch nicht underground. Aber ist total wichtig, und gefühlt bin ich dadurch irgendwie nochmal aufgewacht und weiß jetzt, dass ich trotz aller Kosten das Tattoo-Kulture-Magazin weiterhin abonnieren kann. * LACH * 

Persönlicher Appell am Schluß – weil die Erstellung des Kosten-Leitfadens echt einige Tage verschlungen hat…: Wer nach der Fleißarbeit die Aufstellung hilfreich findet dem steht natürlich frei, seine Dankbarkeit mit einer Paypal-Spende zum Ausdruck zu bringen. Der eMail-Kontakt dafür lautet oliverpaint@web.de

Da ich ja eine grobe Idee habe, wer hier mitunter die Zeilen liest, brauch ich die Wünsche für Gelassenheit kaum zu formulieren. Genießt also weiterhin die unerwartet freie Zeit! Nachdem ich jetzt mein fettes „Das wollte ich schon immer mal sauber aufstellen“-Ding hinter mir habe schnapp ich mir endlich Papier und Stift und mache, wozu ich stets am Meisten Bock habe!! 

Keep on Rockin,´ People!

Greetz aus der Klingenstadt

Oliver

Wie, wo, was, wann? Oli von Fine Line Tattoo in Düsseldorf erklärt…

Kurze Einführung zur Verwendung des Leitfadens „Kosten für Kreative“:

Auf den ersten Blick ist das ein echtes Monster. Der Weg ist das Ziel. Wer lange nicht seine Kosten im Detail aufgeschrieben hat, wird bestimmt einige Zeit brauchen, um alle Infos zusammenzutragen.

Aber um einen herum kommen immer mehr Modelle mit „monatlicher Zahlung“ anstelle eines einmaligen Preises. Das Geld wird außerdem zunehmend digital – und damit geht ebenfalls Übersicht verloren. Schließlich sind da abschließend Verpflichtungen, die nur quartalsweise oder einmal im Jahr laufen. Das fühlt sich zeitweise wie eine abstrakte, monetäre Hydra an!

Ich verliere mich gerne im kreativen Teil und im Moment. Der Hinterkopf stellt sich jedoch mit Recht die Frage der Langfristigkeit und den wirtschaftlichen Auswirkungen meines Handelns. Nach dem Kampf mit diesem Ungetüm fühlt sich die hochkomplexe Angelegenheit weitaus weniger nebelig an. Das Monster ist in vollem Licht zu erkennen und ich kann seine Schwächen ausmachen. Und jetzt stehe ich wieder da, wo für mich „the only place to be“ ist: Als Schöpfer meiner Welt!

Deshalb: Alles Gute und viel Erfolg beim Abenteuer des fucking, kaufmännischen Teils!

– Oliver

BASICS:

1.) Nicht von dem, Umfang erschrecken lassen. 

2.) Einen Kaffee kochen, ersatzweise ein Bier oder Sekt öffnen. 

3.) Die Nutten oder den Callboy rausschicken. 

4.) Zeile für Zeile das Ding durchgehen und mit den persönlichen Zahlen füllen. Je Monat gibt es zwei Spalten: die linke dient der Planung, die rechte wird nach Abschluß des Monats mit den realen Werten gefüllt. 

Es bietet sich an, anfangs nur mit der rechten Spalte zu arbeiten. Das gibt genügend Übersicht über Ausgaben und Einnahmen.  

5.) Das Ding basiert auf Excel… das kann normalerweise immer jemand den man kennt. Ansonsten falls ihr mal eine Zeile löschen oder hinzufügen wollt: Frag das Internet! 

6.) Profi-Tipp: Es lassen sich Bereiche kopieren – das spart eine Menge Zeit! 

7.) Da wo ein kleines grünes Dreieck in der Ecke des Kästchens sitzt: Hier sind automatische Formeln hinterlegt… besser erstmal die Finger davon lassen. 

UMGEBUNG:

1.) Habe ein privates und ein geschäftliches Konto

2.) Liquidität bedeutet die Antwort auf die Frage, ob sich alle zukünftigen Kosten zahlen lassen

3.) Zähne putzen ist auch eine Sache, die besser ist, wenn es regelmäßig gemacht wird. Fand ich allerdings leichter zu lernen als den Finanz-Zauber!

4.) Wer private Darlehen hat oder von Geschäftsfreunden, der sollte prüfen, ob sich das mit den Soforthilfe-Maßnahmen decken lässt/gedeckt werden darf

Stichworte zur Ergänzung

Abstimmung des Kontorahmens:

– Wer vom Steuerberater monatliche Auswertungen erhält kann hier einen Großteil der Recherche sparen und seine Zahlen Position-für-Position abschreiben wenn das einmal gemeinsam festgelegt wurde (Tipp vom Lemmi/KissCal).

Wie kommst du nun an den Liquiditätsplan? Ganz einfach! Schreibe einfach eine Mail an: finelinetattooing@gmx.de

Oli freut sich natürlich auch über einen kleine Kaffeespende für die durchgemachten Nächte…